Stört Sie was? – Vom schlechten Bauchgefühl zu mehr Klarheit

Lassen Sie uns über Störgefühle sprechen: Was sind überhaupt Störgefühle? Störgefühle sind kleine erlebte Inkongruenzen zwischen dem was wir wahrnehmen oder was gesagt wurde und wie es sich für uns anfühlt. In meiner Praxis sprechen wir meistens von Störgefühlen, wenn es darum geht, dass wir identifizieren: Stimmt denn das, was der andere uns sagt?

Ich illustriere es an einem Beispiel (was im Übrigen häufig in meiner Praxis eine Rolle spielt):

Stellen Sie sich vor, jemand sagt zu Ihnen, dass Sie übergriffig sind. Vielleicht haben Sie Ihre Hilfe angeboten, vielleicht haben Sie auch etwas Hilfreiches gesagt. Wichtig wäre jetzt an der Stelle, dass es sich nicht um tatsächliches übergriffiges Verhalten handelt. Dann stimmt ja die Aussage nicht. Da manche aber dazu neigen, erstmal zu schauen „ist das so?“ und diesen Vorwurf erstmal annehmen, prüfen wir ja, ob das stimmt oder nicht. Wie ist denn die vorwerfende Person darauf gekommen, mich übergriffig zu nennen? Habe ich mich vielleicht mit meiner Hilfe zu weit aus dem Fenster gelehnt oder war dies unerwünscht, habe ich Signale falsch gedeutet? Und das ist völlig legitim. Jetzt machen wir aber etwas: Wir prüfen auch ob das stimmt. Einerseits bei uns, wir versuchen so ehrlich wie möglich zu sein und andererseits auch indem wir zum Beispiel zurückfragen „Woran machst du das fest?“.

Es entstehen hier verschiedene Szenarien, ich möchte mich auf dasjenige konzentrieren, bei dem das Störgefühl berechtigt ist. Wenn die Antwort für Sie ein Nein ist, dann haben wir diese Inkongruenz, der eine empfindet das als übergriffig oder behauptet es zumindest und der andere (Sie) hat dieses Empfinden nicht oder ist der gegenteiligen Meinung.

Dieses Störgefühl ist also berechtigt, weil es die Kriterien: Inkongruenz, also den Widerspruch oder die fehlende Übereinstimmung zwischen Gesagtem und Erlebtem erfüllt. Mein Rat an Sie: Nehmen Sie das Gefühl ernst. Das ist ein sehr wichtiger Faktor, um zu unterscheiden, ob Sie den Vorwurf ernst nehmen und z.B. an Ihrem Verhalten arbeiten sollten oder ob Sie das entschieden von sich weisen (das kann sowohl innerlich als auch äußerlich sein).

Störgefühle sind auch mehr als die erlebte Inkongruenz, sie weisen auf eine Störung im Kommunikationsprozess hin.

Nehmen wir mal den Satz „Du bist übergriffig“, was könnte noch störend sein, außer dem alleinigen Fehlen der Wahrheit? Zunächst einmal ist das eine Du-Botschaft, Du-Botschaften haben häufig etwas Angriffslustiges. In meinem Themenbaustein „Ich-Botschaften“ zeige ich Ihnen, wie Sie solche Botschaften umgehen und eine ehrliche Rückmeldung aussieht. Zurück zur Du-Botschaft: Nehmen wir das mal wörtlich (sprachpsychologisch sind Wortbedeutungen immer relevant, weil sie unser Denken deutlich mehr prägen, als es auf den ersten Blick aussieht). Wenn etwas angriffslustig ist, dann heißt das auch: Sie werden angegriffen. Die alleinige Unterstellung, man sei übergriffig, muss ja per sé bei Zutreffen nicht verkehrt sein, aber sie in eine Du-Botschaft zu formulieren, heißt „Hier, ich schmeiße das zu dir rüber, das ist mein Angriff auf dich“. Das ist Punkt 1 unserer Störgefühlgründe, Punkt 2 ist und das stelle ich mal provokant als Frage in den Raum: Kann der Vorwurf der Übergriffigkeit nicht selbst als übergriffig gelten, zumal er nicht stimmt? Dieser Punkt ist ein bisschen heikel und hier zeige ich Ihnen mal einen Tipp:

Versuchen Sie mal die Aussage umzudrehen.

Das Vorgehen wäre wie folgt. Schritt 1: Sie nehmen eine Botschaft wahr, wo Sie vielleicht ein kleines pieksiges Gefühl in der Bauchregion haben (das kann natürlich auch woanders sein, aber es ist etwas, was sich störend anfühlt). Sie prüfen dieses Störgefühl wie oben besprochen auf Kongruenz, bei festgestellter Inkongruenz gehen Sie in Schritt 2: Ist es die Formulierung, die die Inkongruenz auslöst, wäre es für Sie einfacher gewesen, wenn zum Beispiel gesagt würde „Ich erlebe dich als übergriffig“, wenn nein, Schritt 3, Sie drehen die Aussage um, also so:

Der Sender sagt in Ihrer Vorstellung also nicht, Du bist übergriffig, sondern er sagt „Ich bin übergriffig.“ Das ist vielleicht jetzt paradox, aber wir überprüfen hier, ob die Person eine Projektion vornimmt. Eine Projektion ist ein Abwehrmechanismus, der eingesetzt wird, wenn eigene innere Konflikte auf andere übertragen, also projiziert werden (stellen Sie es sich einfach wie ein Projektor im Kino vor, wo ein Bild auf ein anderes Medium (Leinwand) übertragen wird, das Medium wären dann in dieser Situation Sie selbst). Das heißt im Grunde in dieser Lesart, die andere Person will sich selbst nicht als übergriffig wahrnehmen, das ist ja verständlich, wer will das schon? Aber sie ist es vielleicht und diese erlebte eigene Inkongruenz ist dann etwas, was quasi raus muss und auch geklärt werden will, aber eben nicht bei sich selbst. Deswegen wird es besprochen, aber nicht bei sich.

Die meisten Menschen bemerken nicht, dass sie das tun, aber so ein Verhalten kann Schaden anrichten, weil ja die Betroffenen oft nicht merken, dass sie gerade „missbraucht“ werden.

Deswegen haben wir dieses Konzept Störgefühl eingeführt. Wenn Sie also zum Schluss kommen, die Aussage ist richtiger, wenn die Person das im Ich gesagt hat, dann machen Sie für sich Folgendes: Sie erkennen an, dass es nicht stimmt und Sie erkennen auch an, woher Ihr Störgefühl kommt. Sie können jetzt natürlich sagen, Nein das stimmt nicht oder Eigentlich bist du der mit der Übergriffigkeit, aber das wird nicht allzu viel bringen, vor allem der letztere Satz. Glauben Sie mir Personen, die Projektion einsetzen haben in der Regel gute Gründe dafür und von denen werden sie nicht einfach ablassen wollen.

Aber das gibt Ihnen einen Hinweis, für wie wahr oder relevant Sie solche Aussagen halten können und ob Sie der Person die Macht geben, die Deutungshoheit über Sie zu übernehmen.

Wie aber geht es jetzt weiter? Der erste Teil ist mit drei Schritten geschafft. Sie haben das Gefühl bemerkt, identifiziert und eingeordnet. Wenn Sie jetzt noch erfahren wollen, wie Sie dieses Gefühl zurückkommunzieren wollen, zeige ich es Ihnen in meinen Themenbaustein: Ich-Botschaften.

Wenn Sie noch mehr über Verantwortung in der Kommunikation lesen wollen, lesen Sie doch auch gern meinen Blogartikel Verantwortungsvolle Kommunikation.

Autorin: Manuela Weiner, M.Sc., M.A.